Ist bald Ende der Funkstille?

FunkLenja

Radolfzell, 23.05.2012 von Michael Häßler

Was an den Küsten, Flüssen und Kanälen seit bald hundert Jahren fest etabliert ist und als eine der wichtigsten Sicherheitseinrichtungen gilt, wurde am Bodensee, aus welchen Gründen auch immer, bisher standhaft ignoriert.

Das Seefunkwesen wurde 1912, nach der Titanic-Ka­tastrophe, international geregelt und eine Ausrüs­tungs- und Hörpflicht ein­geführt. Man funkte per Morsealphabet im Tastfunk. Mit dem Aufkommen des Sprechfunks wurde der Funkverkehr einfacher. Der Kanal 16 wurde für Notrufe definiert und musste bis 2005 von allen ausrüstungspflichtigen Schiffen rund um die Uhr abgehört werden.

Diese Abhörpflicht ist heute überflüssig geworden, weil Seefunkgeräte als Teil des weltweiten Sicherheitssystems Global Maritime Distress Safety System (GMDSS), mit einem DSC-Controller ausgerüstet sind. Dadurch läuft ein Notruf weitgehend automatisiert ab und auch die Position sowie die Schiffsdaten werden mit übermittelt. Bei den empfangenden Stationen wird ein Alarm ausgelöst und die gesendeten Daten auf einem Display angezeigt. Der weitergehende Funkverkehr wird daraufhin, wie vor dem digitalen Zeitalter auch, per Sprechfunk abgewickelt.

Bodensee ist nicht „See“

Solcherlei Sicherheitstechnik wird am Bodensee wohl Zukunftsmusik bleiben, denn am Alpenrand befindet man sich weder auf hoher See noch auf Küstengewässern oder auf einer Binnenwasserstraße. Damit fehlt von vornherein der rechtliche Hintergrund für das Seefunkwesen, weshalb die Bundesnetzagentur auch von „bestehender Verwaltungspraxis“ spricht, nach der „einige speziell für den Bodensee koordinierte und zugeteilte Frequenzen des Seefunks ... auf den deutschen Teilen des Bodensees genutzt werden dürfen.“ Es stehen also auch technische Aspekte gegen die komplette Nutzung von Seefunk, wie er an der Küste üblich ist. So sind viele Seefunkfrequenzen im Bodenseeraum an andere Nutzer wie Feuerwehr oder Rettungsdienste vergeben und auf Schweizer Hoheitsgebiet ist das „Erstellen und der Gebrauch eines Seefunkgeräts“ gleich von vornherein strafbar.

Dass sich daran auf absehbare Zeit etwas ändern wird, glaubt Josef Mazzel nicht. Mazzel ist in der Schweiz mit der Funkausbildung betraut und fährt auch auf der „Hohentwiel“. Er tritt Spekulationen entgegen, dass Seefunk mit der nächsten Novellierung der Bodensee-Schifffahrtsordnung, wie an der Küste auch, auf breiter Front eingeführt werde.
Wenn, wie geplant, eine Hörwache auf Kanal 16 für die Fahrgastschifffahrt zur Pflicht werden soll, wäre das natürlich ein gewaltiger Fortschritt. Auch Wasserschutzpolizei und Rettungsdienste sollen künftig auf Kanal 16 zu erreichen sein. Damit soll nicht zuletzt auch das Funkchaos bei den Behörden und Rettungsdiens­ten gelöst werden, denn bisher können nicht einmal
alle Polizeieinheiten der verschiedenen Länder mit einander kommunizieren.

Großer Sicherheitsgewinn

Durch die geplante Hörwache ergibt sich auch für die Freizeitschifffahrt eine neue Situation: Der Notruf auf Kanal 16 „landet“ auf jeden Fall bei einem Empfänger, der sich schon auf dem See befindet und der mit der Materie vertraut ist. Kursschiffe und Katamarane fahren zwar nicht die ganze Nacht, aber zumindest die Fähren zwischen Konstanz und Meersburg und diejenigen zwischen Friedrichshafen und Romanshorn sind immer unterwegs. Man bekommt also wahrscheinlich immer jemanden „an die Strippe“, dem man nicht erst noch erklären muss, wie er die Situation zu interpretieren hat und welche Maßnahmen er auf Grund dessen ergreifen soll.  

Was sich für die Sportschifffahrt ebenfalls ändern soll ist, dass Fahrgastschiffe oder Fähren direkt angesprochen werden können, etwa um eine Begegnungs­situation zu klären.

Andreas Ellegast, Mitglied der Internationalen Schifffahrtskommission Bodensee (ISKB) begründet die Einführung der Hörpflicht denn auch primär mit den Erfordernissen bei Radarfahrt, die ohne Funk auf anderen Revieren gar nicht erlaubt ist. Das freilich gäbe erst dann einen richtigen Sinn, wenn Funk auch auf Sportbooten üblich und mehr verbreitet wäre. Zumindest die Schweizer bleiben davon aber schon von Rechts wegen ausgeschlossen.
Der bisher durch „verwalterische Praxis“ frei gegebene Kanal 77 soll auch weiterhin zur Verfügung stehen. Dieser wird bisher schon, während der Saison und tagsüber, von der Wasserschutzpolizei in Konstanz, Überlingen, Friedrichshafen, Lindau und Hard gehört. Hard hört außerdem auch auf Kanal 16.

Die Wasserschutzpolizei sendet Sicherheitsmeldungen, beispielsweise zur Wetterlage, über Kanal 77. Trotz dieses Services verfügen von den Sportbooten nur ein paar wenige über Funk. Dafür soll manches Fahrgastschiff schon bisher inoffiziell auf Kanal 88 funken. Bei der Yachtschule Lindau ist außerdem eine ortsfeste Funkstelle in Betrieb, die auf Kanal 77 hört.
Die Chance, dass ein Notruf über UKW gehört wird, war auch bisher schon relativ groß und wird durch die geplante Hörpflicht auch auf die Nachtstunden erweitert. Dazu kommt, dass Seefunk umso leistungsfähiger wird, je mehr Boote daran teilnehmen.

Der Austausch von Meldungen über die aktuelle Biertemperatur und der Insider-Tipp für den abendlichen Restaurantbesuch haben über Funk aber weiterhin nichts verloren. Sie sind weder erwünscht noch erlaubt. Soll Funk der Sicherheit dienen, ist Disziplin oberstes Gebot. Ein „Quasselkanal“  braucht man im Zeitalter des Mobiltelefons ohnehin nicht mehr.
Ein funktionierender Funk­verkehr braucht darüber hinaus einheitliche Standards und klare Hierarchien. Wird eine Sicherheitsmeldung oder gar ein Notruf angekündigt, herrscht für alle anderen Gespräche augenblicklich Funkstille.
Auch wenn der Schweizer Staat auf das Mobiltelefon im Seenotfall verweist, ist Funk auch heute noch dem Handy haushoch überlegen. Dessen Grenzen hat der Fall des letzten Sommer gesunkenen Motorboots mit elf Personen an Bord nämlich drastisch aufgezeigt. Das stählerne Boot kenterte in schwerem Wetter und sank so schnell, dass die Crew niemanden mehr alarmieren konnte. Auch nützt das Mobiltelefon in der Hosentasche nichts, wenn der Träger der Hose im Wasser schwimmt.
Eher durch Zufall fand ein Segler nach längerer Zeit die weit voneinander entfernten und teilweise in bedrohlicher Verfassung befindlichen Personen und nahm sie an Bord. Mehrfache Alarmierungen der bergenden Segler per Telefon und die Bitte um Unterstützung bei der Rettungsleitstelle St. Gallen liefen ins Leere, wohl auch weil der dortige Mitarbeiter mit der speziellen Situation der Wasserrettung nicht vertraut war. Natürlich wäre das Boot auch gesunken, wenn es mit Funk ausgerüstet gewesen wäre. Mit einem wasserdichten Handfunkgerät hätte der Schiffsführer aber auch noch schwimmend einen Notruf absetzen können. Ohne Zeitverzögerung hätten dann alle Boote im Sendebereich den Unglücksort angelaufen.
Genau das, nämlich dass jeder Teilnehmer am Funkverkehr alles mithören kann, ist der entscheidende Vorteil gegenüber dem Mobiltelefon. Man muss keine spezielle Telefonnummer kennen, sondern teilt der Allgemeinheit seine Situation mit.
Die Empfänger des Notrufs sind bereits auf dem See und können sofort Hilfsmaßnahmen einleiten. Ein weiterer Vorteil ist, dass ein Funksignal, bei Ausrüstung mit Richtantenne, angepeilt werden kann und der Havarist damit auch ohne genaue Standortangabe gefunden werden kann. Aber auch ohne Peilantenne erleichtert Funk die Suche. Der Havarist erkennt den Retter oft schon von Weitem und kann ihn zu sich leiten.

Handfunkgeräte durften früher nur zusätzlich zu einer fest eingebauten Schiffsfunkanlage verwendet werden. Diese Einschränkung gilt nicht mehr, weshalb sich solche Geräte, trotz ihrer normalerweise reduzierten Reichweite, gerade auf dem überschaubaren Bodensee als praktische Alternative zu stationären Anlagen anbieten würden. Die finanzielle Investition ist überschaubar und ein wasserdichtes Handfunkgerät ist für unter 100 Euro zu haben.

Reichweite

Die Reichweite eines UKW-Funkgeräts ist primär durch die Erdkrümmung begrenzt. Sie hängt von der Höhe beider Antennen ab, die sich „sehen“ müssen. Ohne Hindernis beträgt die Reichweite etwa 50 bis 60 Kilometer, wird aber durch die am Bodensee auf ein Watt begrenzte Sendeleistung etwas reduziert, was im normalen Funkverkehr von Vorteil ist. Im Notfall kann man immer noch auf volle 25 Watt Sendeleistung stellen.

Verbreitung eher gering

Die geringe Verbreitung von Funk am Bodensee lässt sich wohl nur mit der berühmten Katze erklären, die sich „in den Schwanz beißt“: Es gibt so wenig Funkstellen, weil es so wenig Funkstellen gibt. Auch die Beschränkung auf nur einen Kanal hört man oft als Argument. Das kann im Handy-Zeitalter aber kein Grund sein, denn Seefunk war noch nie eine „Quasseleinrichtung“ sondern dient der „Sicherheit und Leichtigkeit“ des Verkehrs.
Das Funkbetriebszeugnis besitzt sicherlich ein hohes Abschreckungspotenzial, denn das Meiste, was bei der Prüfung verlangt wird, hat am Bodensee ohnehin keine Gültigkeit. Wie das Beispiel England zeigt, geht es auch praxisorientierter, ohne dass darunter die Sicherheit leidet. Würde man den Fragenkatalog auf die wenigen, tatsächlich praxisrelevanten Aspekte reduzieren, wären sicherlich mehr Leute zu einer Funkausbildung bereit, ohne die es weder rechtlich noch praktisch geht.

Eine solide Ausbildung ist Voraussetzung dafür, das der Funkverkehr überhaupt funktionieren kann. Darüber kann es keine zwei Meinungen geben. Aber von der prüfungsrelevanten Erkenntnis, dass der Betrieb einer Seefunkstelle in der Frequenzzuteilungsverordnung geregelt ist, und die Funkausrüstungspflicht für Schiffe unter deutscher Flagge in der Schiffssicherheitsverordnung (SchSV) nachgelesen werden kann, hat in der Praxis niemand etwas.
Ein weiterer Grund für die geringe Verbreitung von Funk könnten auch die Kos­ten sein. Zwar fallen keine Gesprächskosten an, aber die Anmeldung des Geräts in Deutschland kostet 130 Euro. Wer in Deutschland eine Funkstelle ohne „Frequenzzuteilungsurkunde“ betreibt, macht sich strafbar.

Gerade hier wird die Sache in Zukunft aber spannend, denn Andreas Ellegast wirft sich für die Liberalisierung des Funkwesens am Bodensee ins Zeug. Man sei mit verschiedenen Stellen in Verhandlungen, die Handhabung von Seefunk am Bodensee zu vereinfachen, sagte er uns am Telefon. So soll die Schiffsfunkstelle auch ohne Frequenzzuteilung betrieben werden können und den Schiffsführern soll die förmliche Prüfung zum Funkzeugnis erspart bleiben.

Davon weiß die Bundesnetzagentur aber nichts, erklärt deren Pressestelle gegenüber der IBN, und es sei auch nicht vorstellbar, dass beim Seefunk eine „Lex Bodensee“ geschaffen werde.

Was ist am Bodensee erlaubt?

Am Bodensee gibt es keine GMDSS-Infrastruktur wie auf dem Meer oder an der Küste. Funk beschränkt sich hier auf Sprechfunk, weshalb auch ein älteres Gerät ohne DSC-Controller ausreicht. Aus dem selben Grund braucht man auch kein Short Range Certificate (SRC) wie auf See, sondern es reicht ein reines Sprechfunkzeugnis aus, wie das früher üblich war.
Das Gerät muss bei der Anmeldung den zu diesem Zeitpunkt gültigen Standards entsprechen und es darf nur mit maximal einem Watt gesendet werden.

Bisher ist, durch „bestehende Verwaltungspraxis“, am Bodensee nur der Kanal 77 freigegeben, auf dem ausschließlich Nachrichten gesendet werden dürfen, die die Sicherheit der Schifffahrt oder den Schutz von Personen betreffen. Künftig könnte der Kanal 16, ähnlich wie an der Küste auch, als Anruf- und Notrufkanal genutzt werden und Kanal 77 als eine Art Arbeitskanal. Eine Zweikanalüberwachung am Funkgerät ist deshalb sinnvoll.

Es gibt derzeit vier ortsfeste Funkstellen, die von der Wasserschutzpolizei am deutschen Ufer betrieben werden sowie eine bei der Seepolizei Hard (Kanal 16) und eine bei der Segelschule Lindau. Künftig sollen, neben der Fahrgastschifffahrt, auch die Rettungs­diens­te und andere Behördenfahrzeuge auf Kanal 16 erreichbar sein. Weitere Auskünfte erteilt die Außenstelle Hamburg der Bundesnetzagentur.

Die geplante Novellierung

Art. 4.05 Sprechfunk 1. Fahrzeuge gemäß Art. 13.21 müssen die behördlich zugelassene Sprechfunkanlage während der Fahrt ständig auf Kanal 16 geschaltet haben. 2. Über Sprechfunkanlagen, die auf Kanal 16 geschaltet sind, dürfen nur die für die Sicherheit der Schifffahrt notwendigen Nachrichten gesendet werden.

Art. 13.21 Funkanlagen Folgende Fahrzeuge müssen mit einer behördlich zugelassenen, die Verkehrskreise Schiff-Schiff und Schiff-Land umfassenden Sprechfunkanlage ausgerüstet sein: a. Fahrgastschiffe, die für die Beförderung von mehr als 12 Fahrgästen zugelassen sind, b. Güterschiffe mit einer Länge von mehr als 20 m, c. Fahrzeuge, die für hoheitliche Aufgaben oder im gewässerkundlichen Dienst eingesetzt werden, d. Fahrzeuge, die Zwecken der Rettung und Hilfeleistung dienen.



Fortschritt?

Mich würde sehr interessieren, inwieweit man im 21. Jh und im digitalen Zeitalter bei der Einführung von UKW Funk mit seiner am Bodensee nicht ausreichenden Reichweite und der technischen Beschränkung, von einem Fortschritt sprechen kann. Die aktuelle Sprechfunktechnik ermöglicht heutzutage wesentlich komfortablere und sichere Kommunikationsmöglichkieten.
Frank Sturm am 06.12.2013 10:58:03

Welches Funkzeugnis braucht man nun am Bodensee

Gibt es den von offizieller Stelle eine klares Statement ob und welches amtliche Funkzeugnis zum Betrieb einer See- bzw. Schiffsfunkstelle auf dem Bodensee vorgeschrieben ist? Und in welcher "bestehenden Verwaltungspraxis" ist es geregelt dass nur Kanal 77 benutzt werden darf?
Und welche Fortschritte macht die Novellierung?
Viele Grüße
Felix Aue am 06.11.2012 16:34:52
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