Basiswissen: Wetterregeln

Gewitterwolke

Radolfzell, 11.01.2013 von Michael Häßler

Viele reden über Seemannschaft, dem „Handwerk, mit einem Boot umzugehen“. Die IBN greift in einer Serie Grundlagenwissen auf.

Die Luft über unseren Köpfen ist immer in Bewegung, auch am windarmen Bodensee. Hochs und Tiefs gibt es sowohl im großen Maßstab als auch relativ kleinräumig. Eine Gewitterzelle ist so ein kleinräumiges Tief. Man bezeichnet solche Phänomene, egal ob groß oder klein, als Zyklone. Sie richten sich dabei, unabhängig von ihrer Größe, im Wesentlichen nach denselben Regeln.
Der im 19. Jahrhundert lebende niederländische Wetterforscher Christof Buys-Ballot hat mit dem Barischen Windgesetz eine der Grundlagen für die heutige Meteorologie geschaffen. Er hat festgestellt, dass die Luft nicht auf geradem Weg vom Hoch- ins Tiefdruckgebiet zieht, sondern durch die Corioliskraft abgelenkt wird. Die Luftmassen bewegen sich, auf der Nordhalbkugel, im Uhrzeigersinn spiralförmig aus dem Hochdruckgebiet hinaus, um dann gegen den Uhrzeigersinn, wiederum spiralförmig, in den Tiefdruckkern gezogen zu werden.
Diese Erkenntnis ist Grundlage für einige Regeln, um die künftige Wetterentwicklung ohne weitere Hilfsmittel vom Boot aus abschätzen zu können.
Stellen wir uns mit dem Rücken zum Wind, befindet sich das Tief immer auf der linken Seite, zumindest auf der Nordhalbkugel. Durch die Reibung der Luftströmung an der Erdoberfläche verliert die Corioliskraft an Einfluss, und die Windrichtung ändert sich mit dem Abstand zur Erde. Durch diesen Effekt bedingt, befindet sich das Tief nicht in etwa querab, sondern im Binnenland um etwa 30 Grad und auf der offenen See um etwa 15 Grad nach vorne versetzt.
Querwindregeln
Vom Buys-Ballot’schen Barischen Windgesetz sind die „Querwindregeln“ abgeleitet. Diese beschreiben die Position eines Tiefs in Relation zum eigenen Standort, indem sie den durch Reibung abgebremsten Bodenwind und den frei strömenden Höhenwind vergleichen.
Stellen wir uns also wieder mit dem Rücken zum Wind und beobachten die Richtung des Höhenwinds, der am Zug hoher Wolken zu erkennen ist.
• Kommt der Höhenwind von der linken Seite, befinden wir uns östlich vor einem Tief. Es muss mit schlechtem Wetter gerechnet werden.
• Kommt der Höhenwind von der rechten Seite, befinden wir uns westlich des Tiefs, also auf dessen Rück­seite. Das Wetter wird besser.
• Haben Boden- und Höhenwind in etwa dieselbe Richtung, befindet sich das Tief nördlich von uns. Eine Wetteränderung ist in den nächs­ten Stunden nicht zu erwarten. Der Wind entwickelt sich rechtsdrehend.
• Sind Boden- und Höhenwind fast entgegengesetzt, liegt das Tief südlich. Eine Wetteränderung ist in den nächsten Stunden nicht zu erwarten und der Wind entwickelt sich rückdrehend.
Kondensstreifen
Bei konstant gutem Wetter bilden sich Kondensstreifen von Flugzeugen und lösen sich nach einer gewissen Zeit wieder auf. Bleiben sie bis zur Auflösung gerade und glatt, deutet das auf stabile Verhältnisse in der Luft hin. Werden sie jedoch zerrissen oder fransen aus, ist hohe Aktivität in der Luft. Dies könnte ein Tiefdruckgebiet oder auch Gewitterneigung ankündigen.
Kondensstreifen, die sich lange halten, zu großen Bändern werden und sich quasi zu einer künstlichen Wolkendecke entwickeln, deuten auf extrem feuchte Höhenluft hin, was auf eine aufziehende Warmfront mit nachfolgendem, ausgedehntem Regengebiet hindeutet.
Das Wettergeschehen am Bodensee unterscheidet sich in manchen Details vom Wettergeschehen auf See. Das liegt daran, dass geografisch nicht die Wasserfläche dominiert, sondern die Landfläche. Dadurch lassen sich nicht alle „Lehrbuchregeln“, wie sie an der Küste gelten, auf das Binnenland übertragen. So wird der Bodenwind über bergigem Land weit mehr abgebremst als über der See oder der flachen Küste. Auch die Alpen haben entscheidenden Einfluss auf das Wetter in unserer Region.
Ebenso müssen kleinräumige Effekte berücksichtigt werden. Beispielsweise spielt der Einfluss größerer Städte eine Rolle, wie etwa Singen mit seinem in den letzten Jahren gewachsenen, ausgedehnten Industriegebiet. Wissenschaftliche Untersuchungen darüber sind der IBN-Redaktion keine bekannt.
Es ist aber zu beobachten, dass sich Zugbahnen von Wärmegewittern seit einigen Jahren drastisch verändert haben. Zumindest am Untersee verlaufen diese mittlerweile deutlich anders als vor 30 Jahren. Früher war das „Bohlinger Loch“ hinter der Gemeinde Moos ein Begriff als „Wetterloch“. Gewitter, die aus dieser Richtung kamen, brachten fast immer heftige Böen am Untersee. Heute ziehen die meisten Gewitterzellen entweder nördlich oder südlich daran vorbei.
Das heißt nicht, dass der Untersee komplett von Gewitterböen verschont bleibt. Es kommt aber, zumindest subjektiv, deutlich weniger oft vor, als das früher der Fall war.
Wenn man sich klar- macht, dass eine existenzielle Voraussetzung eines Gewitters die permanente Zufuhr von warmer und feuchter Luft ist, ergibt das eine plausible Erklärung. Über Ackerland oder Wald verdunstet mehr Feuchtigkeit als über Straßen und Industriebauten. Wenn dem Gewitter die Feuchtigkeit entzogen wird, bricht es in sich zusammen.

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