Das Chaos ist perfekt

15.04.2011 von Hans-Dieter Möhlhenrich

Verwirrung und Unstimmigkeit herrscht derzeit in der Internationalen Schifffahrtskommission. Denn während die einen, sprich das Schifffahrtsamt des Kantons Thurgau vom zuständigen Departement für Justiz und Sicherheit autorisiert, bestimmte amerikanische und saubere Four-Star-Benzin-Motoren gleichberechtigt wie Benzinmotoren BSO Stufe II behandeln und zulassen, werden die eigenen Beschlüsse der ISKB in Deutschland und Österreich sowie den anderen Bodenseekantonen anders interpretiert. Dort gilt, dass ein Four-Star-Benzin-Motor nur dann zugelassen wird, wenn kein Pendant verfügbar ist, das die BSO Stufe II erfüllt. Das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr in Stuttgart beruft sich auf eine Entscheidung aus dem Frühjahr 2009 und hat, nachdem man auch in Baden-Württemberg zunächst der Zulassung der Four-Star-Benzin- Motoren zugestimmt hatte (ein entsprechendes Schreiben liegt uns vor), nach der Interboot eine 180-Grad-Drehung gemacht. Das Justizdepartement des Thurgau seinerseits argumentiert mit dem Protokoll vom Frühjahr 2010, in dem festgehalten sei, dass die Motoren gleichberechtigt zugelassen werden dürfen.

Seit der Einführung der Bodensee-Abgas- Vorschriften Stufe II 1996 regiert die ISKB mit Ausnahmegenehmigungen über den Motorenmarkt am See. Denn nur mit Ausnahmen war es möglich, den Benzinmotorenmarkt in weiten Bereichen überhaupt am Leben zu erhalten.

Inzwischen kann man mit Fug und Recht behaupten, dass die Ausnahmeregelungen zur Regel geworden sind. Am Bodensee haben wir damit nicht nur die strengsten Abgasvorschriften, sondern mit Sicherheit weltweit die einzige Gesetzgebung, die nur auf Grund von Ausnahmen funktioniert. Denn die BSOGrenzwerte haben sich nie am Markt orientiert und eine Ausnahme soll jetzt auch die Zulassung der Four-Star-Motoren regeln. Ein gesetzgeberischer Unsinn, der kaum zu überbieten ist.

Four-Star, das ist sozusagen das amerikanische Pendant zu unseren Abgasvorschriften. Um diese amerikaweit geltenden Normen zu erreichen, muss wie am Bodensee der Motor mit einer Lambda-Regelung und einem Katalysator im Abgastrakt des Motors ausgerüstet sein. Und im Prinzip gibt es auf dem Weltmarkt damit die sauberen Serienmotoren, auf die am Bodensee viele Wassersportler seit Jahren warten. Bei den Abgaswerten für HC und und NOx sind diese Motoren sogar deutlich sauberer als das die Bodensee-Abgas-Vorschrif- Das Chaos ist perfektten Stufe II vorschreiben. Lediglich bei den CO-Werten im oberen Drehzahlbereich sind die Motoren schlechter.

Doch auch das lässt sich mit einem Trick in den Griff bekommen: Und so haben die Firmen, die bisher schon auf die Umrüstung von Benzinmotoren auf Katalysator und damit die BSO Stufe II spezialisiert sind, sich diese Four-Star-Motoren zur Brust genommen. Mit dem Einbau einer Regulierung des Benzindrucks im oberen Drehzahlbereich wird das Luft-Benzin-Gemisch magerer gemacht, der CO-Ausstoß im oberen Drehzahlbereich gedrückt und diese amerikanischen Serienmotoren den Bodensee-Abgasvorschriften angepasst.

Damit haben wir auf einmal neben teuren, mit Katalysator und Motorelektronik auf BSO II umgebauten Motoren, auch noch Four-Star-Motoren, die auf BSO II umgerüstet sind – deutlich preiswerter als die Kat-Umrüstung bisher war. So z. B. einen 3,0-Liter-, einen 5,0- Liter- und einen 5,7-Liter-Motor. Parallel zu diesen gibt es die für den Bodensee typgeprüften Four-Star-Motoren mit 3 Liter, 4,3 Liter, 5 Liter und 5,7 Liter, die ebenfalls zulassungsfähig sind oder wären – je nach Blickwinkel –, weil sie die neuerdachten Kennzahlen für die Four- Star-Motoren erfüllen. Also Serienmotoren, die jedoch bis auf den Thurgau, bereits wieder versenkt wurden. Das Resultat ist, dass die Wassersporter sich wieder Neu-Motoren anschaffen müssen, die durch den vorgenommenen Umbau Garantie und CE-Zulassung verlieren.

Klar ist, dass die ISKB ihre eigene Beschlusslage nicht mehr überblickt – das Vorpreschen des Thurgaus ist daher nur verständlich. Harsche Worte kommen zu dieser jüngsten Entwicklung und zum Rückzieher bei den Four-Star-Motoren vom nautischen Gewerbe der Schweiz, das insbesondere Baden-Württemberg wegen der Blockadehaltung bei deren Zulassung Bevorzugung und Schutz von einzelnen Firmen vorwirft. Das Vorgehen stimme nicht mit dem verabschiedeten Protokoll überein. Ein Vorwurf, dem sich das Gremium stellen und dem es begegnen muss, um seine letzte Glaubwürdigkeit wahren zu können.

Eine klare Lösung, die sich mehr am Markt orientiert, wünschen sich zumindest einige Kommissionsmitglieder. Sie soll im Frühjahr auf den Tisch kommen. Die Anhörung dazu wird anschließend im Sommer in den drei Anrainerstaaten stattfinden. Die EU-weiten Abgasvorschriften scheinen zudem flotter voranzukommen als gedacht und könnten ab 2013 / 14 der Standard der Zukunft sein.