Sicher am Haken

Rocna

Radolfzell, 11.07.2011 von Michael Häßler

Am Mittelmeer spricht man von „Hafenkino“, wenn eine unerfahrene Crew beim An- oder Ablegemanöver heilloses Chaos verbreitet und die Anker der anderen Boote gleich reihenweise aus dem Hafenschlick zieht.

Aber nicht nur am Mittelmeer kann man verkorkste Manöver beobachten, sondern auch am Bodensee. Der Grund dafür ist manchmal der, dass das?Boot deutlich größer als der Erfahrungsschatz der Crew ist. Ein Unterschied besteht allerdings: Am Mittelmeer wird der Anker fast tagtäglich gebraucht, am Bodensee sind Boote, die die Nacht vor Anker verbringen, eher Exoten.

Ankern

Möglicherweise liegt das daran, dass viele Wassersportler bei dem Thema unsicher sind, weil sie vielleicht schon schlechte Erfahrungen gemacht haben und der Anker in einem Gewitter nicht hielt. Vielleicht kennen sie aber auch nur jemand, der schon schlechte Erfahrungen gemacht hat oder kennen jemanden, der jemand kennt, der schon schlechte Erfahrungen gemacht hat. Wie viele andere Dinge auch, ist die Thematik mehr oder weniger umfangreich und erfordert einiges an Wissen und an Fertigkeiten. Wenn ein Anker nicht hält, hat das einen Grund, den man herausfinden muss, um den selben Fehler in einer anderen Situation nicht noch einmal zu machen. Schließlich kann ankern auch die letzte Maßnahme sein, eine Strandung zu verhindern. Grund genug, sich mit dem Thema gründlich auseinander zu setzen.

Am Anker übernachten

Grundsätzlich liegt man bei Starkwind im Hafen besser. Wenn schlechtes Wetter zu erwarten ist, muss man seiner Sache schon ganz sicher sein, wenn man den Ankerplatz der Stegbox vorzieht. Vor allem bei der Wahl des Ankerplatzes gilt es dann Einiges beachten. Dieser muss zur Wetterseite hin geschützt sein, damit sich keine Welle aufbauen kann. Ein weiterer Aspekt ist die Beschaffenheit des Seegrunds. Auf Kies oder gar Fels hält von vornherein kein Anker. Sand oder Lehm dagegen sind gute Ankergründe, am Bodensee allerdings meistens mit Kraut bewachsen. Deswegen kann hier mancher ansonsten gute Anker versagen.

Welcher Anker?

Zur Wahl des Ankertyps ist zu sagen, dass es viele unpassende Anker gibt, wenig passende und keinen, der immer und überall hält. Die Auswahl des Ankergeschirrs hängt in erster Linie von der Beschaffenheit des Seegrunds ab und bestimmte Typen sind in bestimmten Revieren besser oder auch weniger gut geeignet.
Ein Yachtanker ist grundsätzlich ein „Leichtgewichtsanker“, der aktiv in den Grund eingegraben werden muss. Er bezieht seine Haltekraft aus dem Widerstand des Bodensubstrats gegen die Flunkenfläche. Sein Gewicht hat kaum Einfluß auf die Haltekraft. Das gilt auch für „Gewichtsanker“, wozu man auch den klassischen Stockanker zählt, auch wenn dieser in manchen Lehrbüchern als Gewichtsanker beschrieben wird. Dieser Ankertyp ist wenig populär, kann nicht in der Bugrolle gefahren werden und hat, auf sein Gewicht bezogen, eine eher miserable Haltekraft. Am anderen Ende der Skala liegen die leichten Danforth-Typen, die auch aus Aluminium erhältlich sind und speziell auf Sand oder Lehm gewaltige Haltekräfte entfalten können. Sie können aber bei bewachsenem Grund versagen und sich erst gar nicht eingraben. Viele sichere Ankerplätze sind von ausgedehnten Seegraswiesen bedeckt. Das liegt am mittlerweile nährstoffarmen Millieu des Sees.
In dieser Situation ist übrigens der Stockanker fast unschlagbar: Er ist als einer der wenigen Ankertypen in der Lage, mit seiner spitzen Flunke auch dichten Seegrasteppich zu durchdringen. Ein Stockanker gräbt sich fast überall zuverlässig ein. Deswegen hat er durchaus noch seine Berechtigung an Bord eines Bootes. Auch wenn er nur zur Lösung eines besonders hoffnungslosen Falls in der Bilge schlummert.

Yachttaugliche Stockanker lassen sich zusammenklappen und können gut verstaut werden. Das Gewicht sollte aber, unabhängig vom Bootstyp, nicht unter 12 Kilogramm liegen. Leichtere Anker graben sich nicht zuverlässig ein.
Der beliebte Klappdraggen ist dagegen kein sicherer Anker. Er taugt höchstens als als „Alibi-Anker“ auf Regattabooten.
Ein wichtiger Aspekt bei der Einteilung von Ankertypen ergibt sich aus dem Verhalten bei Überlastung. Die einen verharren statisch, bis sie plötzlich aus dem Grund gerissen werden. Andere Anker slippen langsam durch den Schlick, bleiben aber eingegraben.

Zur ersten Kategorie gehören vor allem Danforth-Typen, die eine sehr hohe Haltekraft aufweisen, aber ohne Warnung ausbrechen und nur bei unbewachsenem Seegrund und langsamer Bootsbewegung wieder greifen können. Auch CQR-Anker können sich so verhalten. Plattenanker ohne Querstab neigen darüber hinaus zur Rotation um ihre Längsachse, weshalb sie sich schon bei geringer Belastung ausgraben.

Ein Anker, der bei Überlastung slippt aber nicht ausbricht, besitzt eine „Warnfunktion“. In diese Kategorie gehören neben dem klassischen Stockanker auch der Bruce-Anker oder der Pflugscharanker ohne Gelenk.

Auch der Bügel-Typ gehört in diese Kategorie. Dieser weist, aufgrund seiner großen Flunkenfläche, ähnlich hohe Haltekräfte auf wie ein Danforth-Anker, hat aber deutliche Vorteile bei verkrautetem Grund.

Nach der Philosophie, dass nichts so gut ist, als dass es nicht noch besser gemacht werden könnte, wurde das Prinzip des Bügelankers weiter entwickelt und in verschiedenen Versionen noch verbessert. Ob ein Spade-Anker oder ein Rocna-Anker tatsächlich bessere Werte aufweisen, kann nur eine Vergleichsreihe unter verschiedenen Bedingungen halbwegs objektiv belegen. Hier geht es aber um Praxis und nicht um Laborwerte.

Deutliche Unterschiede gibt es dagegen bei der Staubarkeit. Der Rocna ist besser für die Bugrolle geeignet und der Spade kann zerlegt werden.

Insgesamt sind Bügelanker, was ihr Eingrabeverhalten bei verkrautetem Grund betrifft, derzeit das Mittel der Wahl, und werden dabei höchstens vom Stockanker übertroffen, dessen Haltekraft aber bei weitem nicht vergleichbar ist.
Beim Kauf eines Bügelankers ist es wichtig, dass man keine schlechte Kopie erwischt. Auch wenn es bei der Geometrie dieses einfachen Ankers wenig falsch zu machen gibt, kann es doch passieren, dass beim Modell aus der fernöstlichen „Hinterhofschlosserei“ ein weniger geeignetes Material verwendet wird oder schlicht die Schweißnaht oder Verzinkung nichts taugt. Wer sicher gehen will, kauft das etwas teurere Original.

Ausführungen aus Edelstahl bieten gerade im Süßwasser kaum Vorteile. An ihrer glatten Oberfläche haftet aber weniger Schlick.

Größe des Ankers

Die korrekte Dimensionierung eines Ankers wird von den meisten Herstellern anhand des Bootsgewichts und der Bootslänge angegeben. Beide Maße erlauben aber nur eine sehr grobe Annahme der tatsächlich auf den Anker wirkenden Kräfte. Der Ankergrund, als sicherlich wichtigstes Kriterium, kann dabei von vornherein nicht berücksichtigt werden. Dazu kommt, dass die Hersteller mit ihren Empfehlungen vom Extremfall ausgehen. Im Markelfinger Winkel wird man auch mit einem etwas kleineren Anker sicher liegen.

Auftretende Kräfte

Die reine Haltekraft des Ankers ist nur ein Aspekt unter vielen, die bei der Zusammenstellung eines sinnvollen Ankergeschirrs berücksichtigt werden müssen. Mindestens so wichtig ist die Verbindung zwischen Anker und Boot. Dabei gilt es, einen großen Teil der dynamischen Kräfte in dieser Verbindung zu absorbieren und die Zugrichtung auf den Ankerschaft parallel zum Grund zu halten.

Die statische Kraft durch den Winddruck ist dabei eher unbedeutend. Dagegen ist die Bewegungsenergie des Bootes beim schwoien der kritische Aspekt. Diese ist eine Funktion aus Bootsgewicht und Geschwindigkeit. Ein Boot, das wenig schwoit, entwickelt von vornherein nur relativ geringe Kräfte auf das Ankergeschirr.
In diese Kategorie gehören viele klassische Langkieler. Diese haben zwar ein hohes Gewicht, ihre Bewegungen werden aber durch die Form des Unterwasserschiffes gedämpft. Sie liegen tendenziell ruhiger als Boote mit schmalem Flossenkiel, deren Masse aber wiederum geringer ist.

Entscheidend ist die wirksame Position des Riggs im Verhältnis zum Lateralschwerpunkt. Boote, deren Mast weit vorne steht, neigen mehr zum Schwoien als Boote mit weit achtern platziertem Mast. Auch ein Besan wirkt sich stabilisierend auf die Bewegungen vor Anker aus. Sehr ungünstig ist ein um das Vorstag gerolltes Vorsegel. Dessen weit vorn platzierter Windwiderstand macht das Boot instabil und sorgt dafür, dass der Bug immer wieder ausbricht und das Boot beschleunigt. Die Schwoibewegungen können deutlich vermindert werden, wenn das Vorsegel geborgen und an die Reling gebändselt wird. In Skandinavien sieht man auch Boote, die ein kleines Stützsegel am Achterstag geriggt haben.
Die Ankerkette sorgt mit ihrem Gewicht dafür, dass Bootsbewegungen gedämpft werden. Sie wird vom Grund abgehoben und zieht den Bug sanft wieder nach vorn. Die Kette sinkt wieder nach unten, bis eine neue Bö den Bug meistens nach der anderen Seite wegdrückt.

Dieses hin-und herschwoien lässt sich auf eine Seite begrenzen, indem die Ankerleine nicht direkt vorn am Bug angreift sondern etwas nach hinten versetzt wird. Sehr gut geht das mit einer achtern am Boot belegten Hahnepot. Dreht man eine Bootsseite etwas zum Wind, entstehen zwar höhere statische Lasten aber weniger dynamische Lastspitzen.
Grundsätzlich darf die Kette nie vollständig vom Grund abgehoben werden, weil sonst die Zugrichung auf den Anker nach oben zeigt. Wenn in dieser Situation die Kette einruckt, kann jeder Anker ausgerissen werden.
Ein längere oder eine schwerere Kette verschiebt diesen Punkt, kann ihn aber nicht verhindern. Steckt man zwischen Kette und Boot eine flexible Leine, erhält man einen deutlichen Dämpfungseffekt. Schon allein um die Ankerwinde zu entlasten, sollte man auf diese Leine nie verzichten. Eine Winde taugt nicht als Poller. Die Leine wird entweder mit einem speziellen Haken auf der Kette angebracht oder ganz einfach mit einem Stopperstek.

Kette oder Vorläufer?

Ob das Ankergeschirr ausschließlich aus Kette oder aus Leine mit Kettenvorläufer bestehen soll, darüber gehen die Meinungen auseinander so lange es Anker gibt. Für beide Standpunkte gibt es gute Gründe. Wer die Stärken und Schwächen seines Ankergeschirrs kennt und respektiert, wird mit beiden Lösungen gut zurecht kommen.

Vom rein physikalischen Blickwinkel gesehen, sprechen aber die meisten Argumente für eine Kombination aus Kette und Leine. Die mechanisch unempfindliche Kette am Seegrund sorgt dafür, dass die Zugrichtung auf den Anker flach bleibt und die frei im Wasser hängende Leine absorbiert dynamische Kräfte durch ihr Dehnverhalten. Beide Komponenten ergänzen sich.

Bei Booten, die nicht mit einer Ankerwinsch ausgestattet sind, hat die Leinen-Kette-Kombination noch weitere Vorteile: Man bekommt ein leichtes, einfach  handhabbares Ankergeschirr. Bei Booten mit elektrischer Ankerwinsch spielt dieser Aspekt dagegen keine Rolle. Damit ist eine lange Kette bequemer handhabbar.

Auf eine Kette zu verzichten ist nie zu empfehlen. Auch ein kurzer, leichter Kettenvorläufer ist deutlich besser als kein Kettenvorläufer. Dazu ist er effektiver und deutlich kostengünstiger als eine Leine mit Bleieinlage.
Über die Länge des Ankergeschirrs gibt es ebenfalls unterschiedliche Meinungen und das „Lehrbuchmaß“ von drei mal Wassertiefe bei Kette und fünf mal Wassertiefe bei Leine ist gefährlich unterdimensioniert, hält sich aber hartnäckig in den Köpfen der Unerfahrenen.

Das sicherste Ankergeschirr ist unendlich schwer und unendlich lang, somit praxisfremd. Eine brauchbare Faustformel besagt bei Tau-Ketten-Kombinationen als Minimum etwa drei mal Wassertiefe für die Kette plus fünf mal Wassertiefe für die Leine. Das ergibt eine achtfache Wassertiefe für die Gesamtlänge des Ankergeschirrs. Diese ist ein brauchbares Mindestmaß bei geringen Wassertiefen von zwei bis drei Metern. Dabei bedeutet „Wassertiefe“ nicht „Wassertiefe“, sondern die Wassertiefe plus der Höhe des Bugbeschlags. Dies zu berücksichtigen ist gerade bei geringen Tiefen wichtig. Ankert man auf zwei Metern mit einem Boot, dessen Freibord am Bug ein Meter beträgt, gelten als Basismaß für die Berechnung des Grundgeschirrs nicht zwei, sondern drei Meter. Dabei steigt die Mindestlänge des Ankergeschirrs von 16 auf 24 Meter an.

Ankert man auf größerer Tiefe, beispielsweise außerhalb der Halde im Bereich von etwa zehn bis 15 Metern, kann man aufgrund des absolut längeren Ankergeschirrs das Verhältnis etwas reduzieren. Auf den meisten Booten sind die Kettenvorläufer dann aber relativ zu kurz, oft nur sechs bis acht Meter lang.

Deswegen muss genügend Leine vorhanden sein. Eine weitere Faustformel besagt, dass ein Meter fehlender Kette durch drei Meter Leine ersetzt werden soll. Dabei sind zwei Trossen handlicher als eine lange, die von einer Person nicht mehr aufgeschossen werden kann. Am sichersten werden beide Trossen mit einem doppelten
Schotstek verbunden.

Geflochtene Leinen mit Mantel sind dafür aus zwei Gründen untauglich. Erstens sind diese nicht flexibel genug und Zweitens werden sie durch Knoten zu stark geschwächt.

Wahl des Ankerplatzes

Wichtigstes Kriterium bei der Wahl des Ankerplatzes ist stabiles Wetter und eine Landabdeckung nach der Wetterrichtung. Kiesgrund ist ein Ausschlußkriterium und befindet sich, aufgrund der Windwellen, vorwiegend an „auflandigen“ Uferabschnitten.

Vor geschützen Uferabschnitten findet man dagegen meistens günstigen Sand- oder Lehmgrund unter dichtem Kraut. Ist der Seegrund zu sehen, sollte der Anker gezielt an einer nicht bewachsenen Stelle platziert werden.

Ob man Unter- oder Oberhalb der Halde ankert, hängt von der Wassertiefe und den örtlichen Gegebenheiten ab. Ist der ausreichend tiefe Teil der Wysse nur schmal, hat man bei ungünstig drehendem Wind nur wenig Puffer bis zum Ufer. Dann liegt man außerhalb der Halde sicherer, braucht aber ein langes Ankergeschirr. Siebzig oder achtzig Meter sollten bei Leine mit Kettenvorläufer vorhanden sein.

Den Anker bringt man zur Wetterseite aus, die am Bodensee üblicherweise im Südwesten liegt. Dazu läuft das Boot langsam rückwärts in nördöstliche Richtung. Es wird nur soviel Leine gegeben, wie der Anker von selbst abzieht. Ist das Ankergeschirr in korrekter Länge ausgebracht, legt man die Leine um eine Klampe und zieht die Lose aus dem Geschirr.
Spürt man Widerstand, bremst man das Boot zunächst mit der Leine vorsichtig etwas ab ohne den Anker wieder auszureißen, belegt die Leine schließlich und lässt das Boot bei moderater Geschwindigkeit einrucken.
Jetzt steigert man die Drehzahl des Motors und gräbt den Anker tiefer ein. Eine Deckpeilung an Land darf sich dabei nicht verändern. Der Anker muss bei einem angemessen motorisierten Segelboot oder einem Verdrängermotorboot mindestens die halbe Motordrehzahl halten.

Ob der Anker fest sitzt, kann man auch feststellen, wenn man die Hand auf die Leine oder die Kette legt. Bei schleifendem Anker vibriert diese deutlich, bei haltendem Anker bleibt die Leine  ruhig. Schleift der Anker, muss er gehoben, vom Seegras gesäubert  und das Manöver so oft widerholt werden, bis er sicher hält. Hier sind keine Kompromisse oder Nachlässigkeiten erlaubt, auch wenn kein schlechtes Wetter zu sehen ist. Die Grundregel lautet, immer so zu ankern als sei Sturm angekündigt.

Für Segelboote ohne Motor gibt es die Möglichkeit, den Anker auf einem raumen Kurs, vielleicht nur unter Großsegel auszubringen. Grundsätzlich funktioniert das Manöver gleich wie unter Maschine, nur muss der Anker gleich „richtig“ eingegraben werden.

Ist eine angemessene Leinenlänge ausgebracht, belegt man diese und lässt das Boot kräftig einrucken. Diese etwas „rustikale“ Methode sollte den Anker in den Grund reissen. Hält er, dreht das Boot den Bug in den Wind. Das Großsegel kann geborgen werden.

Ist das Wasser klar und nicht allzu tief, kann man sich anschließend vorsichtig von Hand über den Anker verholen und nachschauen, ob dieser im Seegrund verschwunden ist oder nur oberflächlich im Kraut festhängt. Ein Anstrich in Signalfarbe erleichtert die Kontrolle.

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