Es läuft nicht rund beim Rettungsdienst

rettungsverlauf

24.12.2011 von Hans-Dieter Möhlhenrich

Zwölf Menschen rettete das Schweizer Ehepaar Hans-Ulrich Erb und seine Frau Ursula am 19. Juni aus dem Bodensee, wie die IBN bereits im Juli berichtete. Nach der Kenterung der Motoryacht „Lady Jay“ trieben acht Männer und vier Frauen fast eine Stunde zwischen Langenargen und Rorschach bei Starkwind mitten im Bodensee.

Dass es nicht zu einer
der schlimmsten Schiffska­tastrophen auf dem See kam, ist einer Reihe von glück­lichen Zufällen zu verdanken.   
Einer davon ist, dass das Ehepaar Erb zum richtigen Zeitpunkt zur Stelle ist und bei allem, was dann folgt Ruhe bewahrt, bis es nach einer halben Stunde alle Schiffsbrüchigen an Bord hat und diese anschließend in einer fast eine Stunde dauernden Fahrt nach Horn in den sicheren Hafen bringen kann. Bis heute hat das Ereignis die beiden fest im Griff. „Nie mehr möchte ich wieder in eine solche Situation kommen“, schildert Ursula Erb ihre bleibenden Eindrücke.
Dem glücklichen Ausgang der Havarie der „Lady Jay“ stehen Verzögerungen und Fehleinschätzungen der Lage in der Kantonalen Notrufzentrale in St. Gallen und beim Seerettungsdienst Rorschach gegenüber, die nicht zuletzt auf kommunikativen Problemen beruhen. Dass an diesem Tag nicht alles optimal lief, gibt Aurelio Zaccari, der Chef der Kantonalen Notrufzentrale (KNZ) und auch Helfer des See­rettungsdienstes Rorschach (SRD) unumwunden zu.
Drei Notrufe mit dem Handy durch Ursula Erb an die (KNZ) und rund eine Stunde und 20 Minuten brauchte es, bis ein Rettungsboot des Seerettungsdienstes Rorschach SRD / SLRG kurz vor dem Hafen Horn bei der HR 34 mit den Geretteten längsseits kommt.
Ursula Erb wählt bei ihrem ersten Anruf um 11.49 Uhr unmittelbar nach Sichtung der ersten Schiffbrüchigen die in der Schweiz neben der 117 und der Seenotrufnummer 118 ebenfalls propagierte 144 und landet deshalb bei der (KNZ) St. Gallen bei einem Sanitäts- statt einem Polizei­dis­ponenten. Dies stelle jedoch kein Problem dar, erläutert Zaccari, da ein Notruf sofort intern an den zuständigen Disponenten, in diesem Fall der Polizei weitergegeben werde. Optimal sei es jedoch nicht, da die Seenotrufnummer 118 gleich bei dem entsprechenden Disponenten der Polizei eingeht.
Doch der erste Anruf von?Ursula Erb bricht ab, ohne dass sie den Standort ihres Bootes vollständig durchgeben kann.
Zumindest ihre Angaben „auf dem See, eine ganze Gruppe von Leuten schwimmen, Linie Rorschach – Langen . . . ,“ hätten eigentlich ausreichen müssen, weitere Maßnahmen einzuleiten, sofort den?SRD zu informieren oder gar einen Internationalen Seenotalarm auszulösen.
Doch das schätzt man in der Leitstelle anderes ein. Dort kann man die bruchstückhafte Meldung nicht auflösen und versäumt es, die gespeicherte Meldung ein weiteres Mal abzuhören, um sich Klarheit zu verschaffen.
Der fällige Internationale Seenotalarm wird daher nicht ausgelöst. Hinzu kommt, dass gleichzeitig weitere Notfallmeldungen an diesem Tag eintreffen. Sie sind von den anderen Seen, an denen es wegen des Starkwindes ebenfalls zu Havarien kommt, berichtet Zaccari. Die KNZ ist
außer für den Bodensee auch für Teile des Zürichsees und den Walensee zuständig. Der Disponent kann im ersten?Moment die für ihn bruchstückhaften Angaben über den Unfallort nicht dem Bodensee zuordnen.
Im Kanton St. Gallen ist der Seenotrettungsdienst insofern anders organisiert, als nicht die Seepolizei direkt, sondern der SRD unter Aufsicht des Schifffahrtsamtes des Kantons St. Gallen die Rettungsaufgaben auf dem See wahrnimmt. Deren Freiwillige sind auf Grundlage eines Vertrages beaufragt und mit entsprechenden Einsatzfahrzeugen ausgerüstet. Im Kanton Thurgau, in Baden-Württemberg und in Bayern nimmt die Seepolizei bzw. die Wasserschutzpolizei im Rahmen der Gefahrenabwehr die Seenotrettung wahr. „Die Wasserschutzpolizei hatte an diesem Tag vier Boote in diesem Gebiet im Einsatz“, berichtet Dietmar Issler, Leiter der Wasserschutzpolizeistation Friedrichshafen. Selbst mit so einer ungenauen Position wäre eine internationalere Alarmierung also durchaus sinnvoll gewesen.
Die KNZ St. Gallen versucht nach dem ersten Anruf von Ursula Erb zwar noch zweimal erfolglos einen Rückruf, unternimmt dann aber fatalerweise nichts weiter.
Bis dann nach fast 20 Minuten Ursula Erb um 12.07 Uhr den zweiten Notruf absetzen kann! Bis zu diesem Zeitpunkt hat das Segler-ehepaar zehn Schiffbrüchige an Bord genommen und war auf der Suche nach zwei weiteren Vermissten.
Der zweite Notruf gelingt. Ursula Erb kann die Situation schildern. Die Positionsbeschreibung „Linie Langen­argen – Rorschach, ca. Seemitte bleibt für den Disponenten aber weiterhin relativ unspezifizifisch und auch die Bootsbeschreibung mit der Angabe „HR 34“ ist für ihn nicht nachvollziehbar.
Es wird hier ein Ausbildungsdefizit insofern sichtbar, als das Personal in der Leitstelle nicht speziell für die Bearbeitung von Seenotfällen und deren?Besonderheit ausgebildet ist.
„Unsere Beamten sind geschult nachzuhaken, gezielt schnell zu hinterfragen, um die notwendigen Informationen zu bekommen“, berichtet Dietmar Issler. Dies kann letztlich dazu führen, im Notfall die notwendigen Sekunden zu gewinnen, die Leben retten.
Spätestens jetzt, nach dem zweiten Notruf von Ursula Erb, hätte die KNZ St. Gallen sofort aktiv werden müssen. Doch weitere sechs Minuten verstreichen, bis der SRD
in Rorschach eingeschaltet wird. Dass die Schiffbrüchigen an Bord gezogen sind und die HR?34 Richtung Rorschach unterwegs ist, wird von der Leitstelle so interpretiert, dass die Situation bereits entschärft ist:
„Für den Disponenten scheinen die Leute gerettet, und es gibt für die Leitstelle keinen Anlass, weitere Hilfskräfte aufzubieten“, schildert Zaccari die Situation aus der Sicht seiner Leitstelle. Ursula Erb wird der Disponent 25 Minuten später bei ihrem dritten Anruf mitteilen:?„Es ist alles aufgeboten, mehr können wir nicht machen.“
Dort wird der Notfall daher als Alarmstufe 1 eingestuft. Die sieht den?Einsatz eines Rettungsbootes  des SRD vor. Die Dringlichkeit von Ursula Erbs zweitem Anruf auf Grund der angespannten Lage an Bord entgeht dem Disponenten in der Leitstelle.  
Dass auch das zu lange dauert, wird von Zaccari auf Nachfrage der IBN bestätigt. Auf Basis der vorliegenden Informationen habe man sich für keine anderen Maßnahmen entscheiden können. Diese sei dann aber gemäß dem mehrstufigen Alarmplan in die Wege geleitet worden.  
„Ein Problem für mich in diesem Fall war, dass das Boot ja ständig in Bewegung war und von mir nie präzise geortet werden konnte“, schildert der an diesem Tag zuständige Disponent den Hergang aus seiner Sicht. Einen Internationalen Seenotalarm habe  man auf Grund der gegebenen Lagebeurteilung keinen auslösen wollen. Der werde in St. Gallen nur bei vermissten Personen und bei größeren Ereignissen ausgelöst, erläutert Zaccari. Vermisst wurde niemand und die Schiffbrüchigen waren an Bord genommen. Verletzte gab es anscheinend keine, wie auf Rückfrage
des Disponenten bestätigt wurde.
Nach der Infomation durch die Leitstelle in St. Gallen übernimmt der SRD Rorschach und der Schiffsführer die weitere Rettungsaktion in eigener Regie. Man geht dabei von einem schweren Unfall aus. Doch auch beim SRD läuft nicht alles rund auf Grund von Fehleinschätzungen, aber auch wegen fehlender Informationen.
Nach einem kurzen Briefing läuft das SRD-Boot mit Verspätung aus. Trotz der Angabe „Linie Langenargen – Rorschach – Mitte See“ fährt dessen Bootsführer einen nordöstlichen Kurs, also auf einer Linie Rorschach – Nonnenhorn, weil man eine Abtrift der HR?34 auf Grund von Wind und Welle vermutet.
Hans-Ulrich Erb hat, als das Rettungsboot des SRD  um 12.26 Uhr den Hafen von Rorschach verlässt und sich auf die Suche nach der
HR 34 macht, bereits die letzten beiden Vermissten gefunden und an Bord genommen.
Obwohl die Suchaktion nach der HR?34 rund 40
Minuten erfolglos bleibt, unternimmt der Bootsführer nichts Weiteres, außer dass er mehrmals versucht, das Handy der Erbs zu erreichen. Zu einer weiterreichenden Alamierung und größer angelegten Suchaktion kann man sich auch beim SRD Rorschach nicht entschließen.
Erst um ca. 13.10 Uhr hat das Rettungsboot die HR 34 nach 44-minütiger Suchfahrt entdeckt und fährt die Segel-yacht aus der Rorschacher Bucht kommend an. Erb ist mit seinen zwölf Schiffsbrüchigen zu diesem Zeitpunkt mit rund drei Knoten Fahrt fast schon bis Horn gelangt und hofft dort im Hafen auf weitere Hilfe. Das SRD-Boot dreht, nachdem es kurz längsseits kam, sofort wieder ab, weil zwei gekenterte Jollen vor Alten­rhein gemeldet sind, will aber Hilfe im Hafen Horn organisieren. Ein SRD-Mitglied hat anschließend ein Auto mit Decken und Kleidern für die Schiffbrüchigen bestückt und fährt nach Horn.
Es sind zunächst keine Helfer in Horn vor Ort, und Skipper Erb muss die Schiffbrüchigen an Land bringen. Zwei Männer, die zufällig im Hafen sind, helfen ihm. Erst kurz danach trifft ein erster Helfer des SRD Arbon und dann später über den Landweg vom SRD Rorschach ein. „Als ich ankam“, berichet der Helfer des SDR Rorschach, „waren die Personen an Land.“ Der Helfer des SRD Arbon hat Duschmöglichkeiten und einen Raum organisiert. Die Personen stehen zum Teil unter Schock, zwei Personen, darunter eine Schwangere im vierten Monat sind in schlechtem Zustand.
Erst jetzt wird der Sanitätsdienst alarmiert. Kurze Zeit später trifft der erste Krankenwagen ein, kurz darauf ein zweiter mit einem Arzt. Später sind vier Ambulanzen für die Versorgung der Schiffbrüchigen vor Ort.
Der SRD Rorschach hat um 13.35 Uhr, also erst zwanzig Minuten nachdem das Rettungsboot die HR 34 gefunden hatte, die Kantonspolizei Thurgau infomiert und übergibt ihr die Einsatzleitung, da die Schiffbrüchigen auf Thurgauer Gebiet sind. Die Thurgauer Polizei trifft ein und beginnt mit der Untersuchung des Vorfalls. Um 14.21 Uhr dann wird die WaPo in Fried­richshafen eingebunden. Da es sich um ein deutsches Boot handelt und auch die Schiffbrüchigen aus Deutschland sind, wird der Fall an die WaPo Friedrichshafen übergeben, die die weiteren Untersuchungen leiten soll.

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Weitere Infos

Such- und Rettungsaktionen auf dem Bodensee erfolgen in internationaler Zusammenarbeit. Informiert die Leitstelle die Wasserschutz- oder Seepolizei, kann diese Internationalen Seenotalarm auslösen. Dazu werden deutsche, Schweizer und österreichische Einsatzkräfte sowie ein Helikopter für die Suche und die Rettung von Schiffbrüchigen oder Vermissten aufgeboten. Der Internationale Seenotrettungdienst Bodensee wurde durch einen Beschluss der Polizeichefs am Bodensee im Rahmen der Bodenseekonferenz ins Leben gerufen.

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